Montag, 9. Mai 2011

PERU

Der Alltag ist nun wieder eingekehrt in mein ecuadorianisches Leben. Die Osterferien sind vorbei und die Schule hat begonnen. Doch auch wenn ich schon seit fast zwei Wochen wieder in MEINEM Ecuador bin, zehre ich immer noch von den wunderschönen neun Tagen, die ich dank meiner lieben Eltern, die mir den Flug zu Weihnachten geschenkt haben, in Peru verbringen durfte. Schon lange hatte ich vor, David, einen sehr guten Freund aus Deutschland, in Peru zu besuchen und nun hat es endlich geklappt!
Ich machte mich am Freitag also ganz früh morgens auf den Weg mit dem Taxi zum Flughafen. Anstatt 38 Stunden mit dem Bus, brauchte ich mit dem Flugzeug nur zwei Stunden und landete schon am frühen Vormittag auf peruanischem Boden. David erwartete mich am Flughafen in Lima und wir freuten uns sehr, uns nach fast neun Monaten wiederzusehen. Zusammen fuhren wir zu Davids Gastfamilie, die mich sehr freundlich bei sich aufnahm, als wäre ich nun für längere Zeit ihre neue Gasttochter. Sie interessierten sich sehr für mich und mein ecuadorianisches Leben und es wurde sofort nach Gemeinsamkeiten und vor allem nach Unterschieden zwischen der peruanischen und ecuadorianischen Kultur gesucht. Der auffälligste Unterschied liegt zuerst einmal eindeutig in der Sprache – mein Akzent wurde nun offiziell als ecuadorianisch identifiziert…
Generell ist mir dieses „Suchen nach Unterschieden“ in Peru sehr stark aufgefallen. Die lateinamerikanischen Länder werden oft pauschal zusammengefasst, was jedoch eindeutig ein Fehler ist, da jedes dieser Länder eine eigene Welt für sich ist. Und auch wenn Ecuador und Peru sehr viele Gemeinsamkeiten aufweisen, was zum Beispiel die Landschaft angeht, sind es trotzdem zwei sehr unterschiedliche Länder, mit sich unterscheidender Bevölkerung und Kultur und auf diese Unterscheidung wird sehr großen Wert gelegt. So musste ich sofort das wirklich sehr leckere Nationalgericht „papa a la huancaina“ probieren und auch um den Genuss von „pisco sour“ (Whisky sour) und von „Inka Kola“ – ihhhhhhhh… - kam ich nicht herum.
Nachdem ich mich ein bisschen ausgeruht hatte, brachen David und ich schnell auf, um ins Zentrum Limas zu kommen, da ja schließlich unsere Tour für die nächsten Tage geplant werden musste. Wir hatten uns vorgenommen, nach Cusco und „Machu Picchu“ zu fahren und jagten nun den gesamten Nachmittag den besten Angeboten dafür nach. Wir fuhren quer durch die Stadt und so langsam dämmerte uns, dass diese Reise ein sehr teurer Spaß werden würde. „Machu Picchu“ ist DAS Touristen-Ziel in Peru und zur „Semana Santa“ (die Osterwoche) wurden die Preise nochmal kräftig erhöht. Je später es wurde, desto unwohler fühlten wir uns mit dem Gedanken, zwischen 400$ und 500$ für eine viertägige Tour zu den berühmten Inka-Ruinen auszugeben. Deshalb entschieden wir uns dann auch, als es schließlich Abend war und mich meine Füße vor Schmerzen fast umgebracht hätten, nicht zum „Machu Picchu“ sondern lieber zum Titicacasee zu fahren.
Das war eindeutig die schlauste Entscheidung, die wir in dieser Woche getroffen haben, da sie Reise zum „Lago Titicaca“ nicht nur wesentlich günstiger sondern auch viel ruhiger war – ohne tausende Touristen um sich herum, macht Reisen einfach viel mehr Spaß!
Trotzdem war der Freitag – auf der Suche nach guten Angeboten – kein verschenkter Tag, da ich auf diese Weise sehr viel von der riesigen Stadt Lima sehen konnte.
Es wurde mir auf diese Weise ein weiterer Unterschied zwischen Ecuador und Peru bewusst. Ecuador ist ein noch viel viel ärmeres Land. Ich war sehr erstaunt darüber, wie sauber Lima ist und wie gut zum Beispiel die Straßen ausgebaut sind. Dort muss man die Schlaglöcher regelrecht suchen, wohingegen man in Quito genau das Gegenteil macht. Man sucht Straßen ohne Schlaglöcher – allerdings vergeblich. Darüber hinaus schlägt einem der Reichtum in den wohlhabenden Gegenden geradezu entgegen. Dort stehen Villen, die man in Quito nur schwer findet. Selbst im Armenviertel wirkte alles sehr sauber, freundlich und „nur ein bisschen ärmer“. Es fällt auf, dass sehr viel für das Bild der Stadt getan wird und dazu fehlt in Quito noch sehr viel.
Wir entschieden und also am Sonntagnachmittag Richtung Titicacasee aufzubrechen. Den Samstag verbrachten wir noch in Lima, damit David mir ein bisschen von seiner Arbeit zeigen konnte. Mittags fuhren wir ins Armenviertel „Independencia“, wo das ACJ ( = CVJM) , Davids Arbeitsstelle, Kindergruppen leitet, um den Kindern gesundheitliche, psychologische und christliche Themen näher zu bringen. Abends fuhren wir ins ACJ, wo sich jeden Samstag die Jugendgruppe „Hopefull“ trifft. Das war ein sehr schöner Abend. Ich konnte Davids peruanische Freunde kennenlernen und ein wenig an seinem ganz alltäglichen peruanischen Leben teilhaben.
Uns nach so langer Zeit in Peru wiederzusehen, war für uns beide eine sehr lustige Erfahrung. David wunderte sich immer wieder darüber, dass ich so selbstverständlich Spanisch spreche und er nicht (wie für jeden anderen Besuch, der aus Deutschland gekommen wäre) übersetzen muss. Und ich wusste ihn in meinem Kopf gar nicht einzuordnen. Ich konnte ihn nicht in meinem deutschen Freundeskreis einordnen, weil wir beide dazu momentan in einer viel zu anderen Welt leben. In die Gruppe meiner ecuadorianischen Volontäre aber natürlich auch nicht. Aus diesen Gründen kam ab und zu eine leichte Verwirrung bei uns auf…
Am Samstagnachmittag ging es dann los – 16 Stunden Busfahrt. Allerdings 16 Stunden sehr luxuriöse Busfahrt in „Cama“-Bussen (Bett-Bussen), in denen wir den Sitz fast zum Bett umklappen konnten, wir hatten Decke und Kopfkissen und bekamen Abendessen und Frühstück serviert. So etwas kann man in Ecuador auch sehr lange und vergeblich suchen… Ich konnte also ENDLICH mal während einer Busfahrt schlafen! Nach 16 Stunden kamen wir in Arequipa – die drittgrößte Stadt Perus im Süden des Landes – an und stiegen sofort in den nächsten Bus ein, der uns innerhalb von 6 Stunden von Arequipa nach Puno – am Rande des Titicacasees – brachte. Nach fast 24-stündiger Reise waren wir also am Ziel. Noch im Terminal wurden wir von einem sehr netten Herrn angesprochen, der uns ein schönes und vor allem günstiges Hostal vermittelte. Darüber hinaus bot er uns eine sagenhaft günstige 2-Tages-Tour über den See an. Ohne weiter darüber nachzudenken schlugen wir zu und hatten somit im Handumdrehen unsere nächsten Tage geplant. Nach einer leckeren Pizza fielen wir dann auch todmüde aber voller Vorfreude auf die nächsten zwei Tage ins Bett.
Am Dienstagmorgen ging es dann los. Bei strahlendblauem Himmel wurden wir vom Hostal zum Hafen gebracht, von wo aus es, zusammen mit ca. 15 weiteren, spanischsprachigen (!!!) Touristen und einem netten Guide, mit dem Boot losging. Schon jetzt konnten wir über die Schönheit dieses gigantisch großen Sees nur staunen. Unser erstes Ziel waren die „islas flotantes de uros“ (schwimmende Inseln). Vor etwa 600 Jahren fingen die Menschen dort an, sich aus Schilfgras schwimmende Inseln zu bauen und darauf zu leben. Mittlerweile leben dort 5000 Menschen. Die Inseln sind ca. ein Meter dicke Geflechte aus Schilfgras, die, damit sie nicht weggetrieben werden, am Grund des Sees befestigt sind. Die Familien leben dort in ebenfalls aus Schilfgras gebauten Hütten und haben dort alles, was sie zum Leben brauchen – ein Fernseher darf natürlich auch nicht fehlen. Uros hat auch eine eigene Schule, die ebenfalls schwimmt, jedoch nicht befestigt ist und deshalb alle paar Tage ihren Standpunkt wechselt. Wenn die Kinder morgen zur Schule gehen, müssen sie erst einmal Ausschau halten, wo die Schule heute ist!
Wofür die Bewohner von Uros die Perfekte Lösung gefunden haben, ist der Umgang mit Nachbarschaftsstreits. Gibt es Probleme zwischen den Nachbarn, wird nicht lange gefackelt und die Insel durchgesägt. Somit kann jeder seiner Wege gehen und das Problem ist gelöst…
Nach einem kurzen Aufenthalt auf Uros, ging es auch schon weiter nach Amantaní, die größte (natürliche und nicht schwimmende) Insel auf peruanischer Seite des Titicacasees. Auf dieser wunder-, wunderschönen Insel wurden wir von indigenen Familien empfangen, die für diesen Tag und die kommende Nacht unsere Gastfamilie waren. Wir wohnten bei Franziska, die wahnsinnig gut kocht und unheimlich nett ist. Die Menschen auf Amantaní leben ohne Technik, es gibt keine Autos, alle Nahrungsmittel werden selbst angebaut und es herrscht eine unglaubliche RUHE, die sehr gut tut. Dort ist es so ruhig, dass es noch nicht einmal eine Polizei gibt. Wir fühlten uns wie im Paradies: wunderschöne Landschaften bei traumhaft schönem Wetter – Bilder sagen in diesem Fall wirklich mehr als tausend Worte. Am liebsten wären wir für immer dort geblieben, doch am nächsten Tag ging es früh morgens weiter zur Insel Taquile, die, was die Schönheit der Natur betrifft, Amantaní in nichts nachsteht. Was auf Taquile jedoch besonders beeindruckend ist, ist die Kultr. Diese zählt zum Weltkulturerbe, weil sie so besonders und weltweit kein zweites Mal zu finden ist. Das Leben auf Taquile ist ebenfalls sehr lustig und friedlich, weshalb es auch hier keine Polizei gibt. Die Taquileños leben nach dem Prinzip „Alle für einen, einer für alle!“. Will jemand zum Beispiel ein Haus bauen, ist dieses in 30 Minuten errichtet, da alle 2000 Taquileños das sind um zu helfen. Gibt es ein Problem, wird dieses Sonntags, bei der Insel-Versammlung aus der Welt geschafft. Dieses Prinzip funktioniert zu 100%. Eine weitere Besonderheit der Kultur ist die Kleidung. Je nachdem wie jemand gekleidet ist, sieht man auf den ersten Blick, ob die- oder derjenige verheiratet oder ledig, zu haben oder nicht interessiert, gut oder schlecht gelaunt ist. Selbst eine Beziehung entsteht (oder auch nicht) über die Kleidung. Je nachdem, wie der Mann seine Mütze trägt, drückt es aus, ob er eine Frau gut findet und die Frau zeigt das selbe anhand eines sehr bunten „Bommels“ an ihrem Kopftuch für „Ja“ und eines „Bommels“ in gedeckten Farben für „Nein“. Das ist eine Kommunikationsweise, die für jeden anderen nur schwer nachzuvollziehen ist, doch sie funktioniert und wird mit Stolz von Generation zu Generations weitergegeben. Nach einem schönen gemeinsamen Abschluss mit einer sehr leckeren „trucha“ (Forelle), ging es im Boot wieder zurück nach Puno. Für ganze 27$ haben wir zwei unvergessliche und wunderschöne Tage auf dem Titicacasee verbracht und unsere Reise war noch nicht zu Ende… Wir ließen den Abend mit sehr leckerem Essen und „pisco sour“ ausklingen und am nächsten Morgen ging es früh zurück nach Arequipa. Von dort wollten wir eigentlich sofort wieder zurück nach Lima, jedoch fiel uns auf, dass es erst Donnerstag war und der Bus nach Lima am Freitag ging. Nach leichter bis mittelschwerer Verwirrung freuten wir uns über den uneingeplanten, geschenkten Tag um die „weiße Stadt“ Arequipa kennenzulernen. Si emacht ihrem Namen auch tatsächlich alle Ehre. Die zum grossen Teil aus Tuft-Stein gebaute Innenstadt gab uns das Gefühl irgendwo in Spanien zu sein, jedoch auf keinen Fall in Peru. Bei nachwievor strahlendem Sonnenschein schauten wir uns die wunderschöne Kathedrale am mit Palmen bepflanzten „Plaza de Armas“ an, sahen andere tolle Kirchen und Klostrgebäude und assen in einer netten kleinen Gasse gemütlich zu Mittag – que linda vida! Abends lernte ich noch zwei von Davids Voluntärs-Kolleginnen kennen, die in Arequipa wohnen und arbeiten. Von ihnen bekamen wir dann auch den Tipp, ins Alpaka-Museum zu gehen. Gesagt – getan. Am nächsten Morgen, bevor es mit dem Bus zurück nach Lima ging, machten wir noch einen Abstecher ins Museum, wo wir die Alpakas füttern und mit ihnen kuscheln konnten – das alles sogar ohne angespuckt zu werden! Auh den Prozess der Verarbeitung der edlen Wolle bis hin zum Kleidungsstük sahen wir uns an. Zum Kauf einer 60$ teuren Alpaka-Mütze reichte das Geld dann aber leider nicht...
Und damit war unsere Reise-Zeit auch schon wieder vorbei! Es ging zurück nach Lima, wo wir uns noch einen gemütlichen Tag machten, bevor ich am späten Abend wieder zum Flughafen musste!
Die Woche war wunderschön jedoch leider viel zu kurz! Dennoch war ich nach diesen 9 Tagen froh, wieder in MEINEM Ecuador zu sein.
David und ich haben uns immer mal wieder „gestritten“, welches denn nun das schönste Land der Welt ist. Für ihn ist es Peru, für mich wird es jedoch immer Ecuador sein! Peru ordne ich gerne an zweiter Stelle an...

Kommentare:

  1. Hallo Julika,
    Dein Bericht ist mal wieder super gut gelungen und ich freue mich sehr für Dich, dass sich der Besuch in Peru so gelohnt hat!
    Hoffentlich können wir bald mal wieder skypen!!!
    Ich wünsche Dir weiterhin gaaaanz viel Spaß, viele tolle Erlebnisse und Erfahrungen=)
    Bis bald...ich vermisse Dich!
    Deine Jessi=)

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  3. Liebe Julika,
    wie schön, dass du diese Reise machen konntest und dass alles gut geklappt hat. Dein Bericht ist wieder wunderschön zu lesen. Man erfährt viel von den Menschen dort, das ist schön, und die Bilder dazu ....einfach herrlich.
    Bin gespannt, wo dich dein Reisemonat hinführt.
    Deine MAMA

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